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24.11.2011 - © 2011 Neue Westfälische / Dick Übersicht | Drucken

Wachstum hinterfragen

Meinhard Miegel fordert bei „CDU im Forum“ einen Paradigmenwechsel

Was passiert mit einem gestrandeten Wal, wenn es verzweifelt kämpfenden Tierschützern nicht gelingt, ihn rechtzeitig ins Meer zurück zu bugsieren? Er stirbt – und wird als Sondermüll entsorgt. Kosten: 55.000 Euro pro Wal. Sondermüll, weil die Weltmeere heute hochgradig schadstoffbelastet sind.



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Anregungen für daheim: Prof. Dr. Meinhard Miegel signiert sein Buch „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“, von dem nach seinem Vortrag im Stadthaus viele verkauft wurden.
© 2011 Neue Westfälische / Dick -

Das ist nur eines der vielen Problemen, die sich die Menschheit in blindem Wachstumsglauben geschaffen hat, meint Prof. Dr. jur. Meinhard Miegel. Er las in der Reihe „CDU im Forum“ aus seinem Buch „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“. Über 100 Zuhörer verfolgen im prall gefüllten Luise-Hensel-Saal die Ausführungen des 72-jährigen.


Zustimmendes Kopfnicken quer durch alle Reihen, wenn Miegel seine Thesen entwickelt. Er ist nicht prinzipiell gegen Wachstum, bekennt sich sogar dazu, „aber nur, wenn es nicht weiter unsere Lebensgrundlagen zerstört“. Kluge Worte, die er mit sanfter Stimme sagt. Es ist die angenehm unaufgeregte Art des Vortrages, die bewirkt, dass bittere Erkenntnisse und alarmierende Prognosen tiefer unter die Haut gehen, als es bei einem Redner der Fall wäre, der Alarmstimmung verbreitet.


„Wachstum darf sein, aber es bedarf künftig einer Unbedenklichkeitsprüfung.“ Weil eine solche nie erfolgt sei, gebe es die aktuellen Probleme. Zu gedankenlos seien Ressourcen um Wachstum und Wohlstand willen weltweit ausgebeutet worden. Ohne dass sich ein Verantwortlicher je gefragt hätte, was ist, wenn die Quelle versiegt? Zu allgegenwärtig sei das Postulat ewigen Wachstums. Zu sehr waren Menschen nur darauf bedacht, materiellen Wohlstand zu mehren.


Wachstum sei in den vergangenen 50 Jahren quasi zu einer „Art Religion“ geworden, so der Professor. Der Glaube daran war Maxime allen Handelns. Er fordert dringend einen Paradigmenwechsel. Und nennt „15 bis 20 Jahren, in denen wir das geschafft haben müssen“. Erschreckend wenig Zeit angesichts der langen Zeitläufe, in denen früher weitreichende Umwälzungen erfolgten.


Für den Autor ist es „eine enorme Herausforderung, eine neue Form des Wirtschaftens zu finden, die der Menschheit nicht ihre Basis zerstört“. Ein anderes Denken ist nötig, auch eine andere Vorstellung von Wohlstand. Vor Beginn der industriellen Revolution, erinnert er, hieß Wohlstand, im Einklang mit Gott und den Mitmenschen zu sein. Seither gewann das rein Materielle die Oberhand.


Doch wie kann nicht materieller Wohlstand aussehen, der auf einer verantwortungsvollen Form des Wirtschaftens beruht? „Bewusst leben, seine Sinne wieder nutzen, gesund sein, Zeit haben für sich und seine Mitmenschen. Kultur, Natur und Stille genießen, sinnenfrohen Genuss und Spiritualität intensiv erleben“, so Miegel. Wer das als Wohlstand erlebt, den werde es nicht schrecken, wenn es mal ein Minus-Wachstum von drei Prozent gebe. „Besser gelassen hinnehmen, als hektisch weiter Schulden aufzutürmen, um nur ja auf der Positivseite des Wachstums zu bleiben.“


Doch wo sind die Politiker, die dem Volk die bittere Pille verabreichen? „Die erste Generation, die das tut, wird vom Wähler abgestraft, erst die dritte darf nach erfolgtem Umdenken damit rechnen, wieder gewollt zu werden“. Deshalb werde die Politik kaum der Initiator der Umkehr sein. Die nötigen Impulse gingen eher von der Zivilgesellschaft aus, so Miegel. „Aufgabe der Politik wird es sein, Impulse aus der Zivilgesellschaft aufzugreifen und in organisiertes Handeln umsetzen.“


Vielleicht kommt der eine oder andere Impuls sogar aus Rheda-Wiedenbrück. Jedenfalls kaufte gut ein Drittel der Zuhörer spontan „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“. Nicht nur fürs Regal, bleibt zu hoffen.


INFO

Zur Person


Prof. Dr. Meinhard Miegel:

1975 Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter der Hauptabteilung Politik, Information und Dokumentation der Bundesgeschäftsstelle der CDU in Bonn

1992/98 Lehrtätigkeit an der Uni Leipzig und Leitung des Zentrums für Internationale Wirtschaftsbeziehungen

1995/97 Vorsitzender der Kommission für Zukunftsfragen in Bayern und Sachsen

seit 2007 Vorstandsvorsitzender der „Denker Zukunft, Stiftung kulturelle Erneuerung“

 


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